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2019-02-19 WAZ Handwerk informiert

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WAZ 19.02.2019
Handwerker fordern mehr Wertschätzung für Berufsausbildung
Thuy-An Nguyen
HERNE. Handwerksbranche sieht Einfluss des Elternhauses als ausschlaggebend für Berufswahl bei jungen Menschen: Aufstiegschancen bleiben oft verkannt.

Das Thema Berufswahl ist eine Schnittstelle, die sich laut Beobachtungen von Kennern des Handwerks auf den Fachkräftemangel auswirkt. Für Martin Klinger von der Kreishandwerkerschaft ist die Frage entscheidend, warum sich nur wenige Jugendliche für eine Ausbildung entscheiden, während die Studierendenzahlen und gleichzeitig Studienabbrecherquoten steigen.
Für die Entscheidung wertet Klinger die Schaltstelle Elternhaus als ausschlaggebend: So würden viele Eltern höhere Abschlüsse von ihren Kindern verlangen – auch wenn ihnen das Handwerk vielleicht näher liegt. „Dabei wird oft verkannt, dass auch das Handwerk viele Möglichkeiten und Aufstiegschancen bringt.“
Geringe Wertschätzung
Elektrotechniker Rüdiger Sprick sieht in der geringen Wertschätzung der handwerklichen Ausbildung ebenfalls ein Problem. Zu sehr sei die Ausbildung im Gegensatz zum Studium entwertet worden und damit die Bedeutung des Handwerks verkannt worden. Eine handwerkliche Ausbildung verlange viel mehr Fertigkeiten als es scheint, wie grundlegende Kenntnisse in Mathe und Physik, so Sprick.
Auch habe sich das Berufsbild des Handwerks gewandelt: Längst sei es nicht mehr Schwerstarbeit wie es zu früheren Zeiten war. Durch technisch bessere Geräte sei die Arbeit im Handwerk heutzutage um einiges einfacher.

Werben durch Jobbörsen
Dabei sei gerade die Elektrotechnik-Branche besonders zukunftsfähig: Nicht nur das Baugewerbe boome mit einer Tendenz, die nach oben geht. Auch beim Thema Energiewende und E-Mobilität spiele die Elektrotechnik eine entscheidende Rolle, meint Sprick. „Die Hardware und Software für klimaneutrale Autos oder Heizungen werden schließlich vom Handwerk geliefert. Auch LEDs für Straßenbeleuchtung oder Wohngebäude.“

Um Nachwuchs zu rekrutieren, greift der Obermeister der Fachinnung Elektrotechnik auch zu modernen Anwerbungsformen wie Speeddating und Jobbörsen. Doch der Erfolg ist mäßig: „Waren vor acht Jahren noch bis zu 70 Bewerbungen im Jahr für Ausbildungsplätze eingegangen, sind es heute 15 jährlich“, sagt Sprick.

Nicht zuletzt hat das Handwerk auch in Zugewanderten eine neue Zielgruppe gefunden. „Bei uns hat ein Flüchtling seine Ausbildung angefangen“, sagt Fleischer Detlef Holz. „Obwohl er kein Schweinefleisch isst, probiert er auch mal.“
Herner Fleischer sieht für sein Berufsbild kaum Zukunft
Thuy-An Nguyen
HERNE. Die Ausbildung ist heute bei Schulabgängern wenig beliebt. Wie sich die schwierige Suche nach Fachkräften für einen Fleischermeister auswirkt.

Kreativ sein und Waren mit Hand und Herz schaffen: Aus diesem Grund war Detlef Holz sich schon früh bewusst, dass er Fleischer werden wollte – wie schon sein Vater es war. Damit entschied Detlef Holz sich für einen Beruf, der bis heute einer Nische angehört.

Ob Schuhmacher, Uhrenmacher oder Hörakustiker – unter den Handwerksberufen gehören diese Berufe zu Gruppen, die besonders unbekannt sind. Laut Angaben der Arbeitsagentur sind die Zahlen der Ausbildungsbeginner jährlich stets im eher niedrigen Bereich.

Nischenberufe werden nicht wahrgenommen
Während Handwerksberufe rund um das Baugewerbe wie Dachdecker, Sanitär- oder Elektrotechniker angesichts eines Baubooms einen Mangel an Fachkräften beklagen, hatte Fleischermeister Detlef Holz in seinem Betrieb schon immer Probleme damit gehabt, Nachwuchs zu finden.
„Unter vielen jungen Leuten wird der Beruf nicht einmal als Handwerk wahrgenommen. Andererseits ist es schwierig, sie für den Beruf zu begeistern, weil er wenig attraktiv erscheint“, sagt der Obermeister der Fleischer-Innung Herne.
Was allen Handwerksberufen laut Kreishandwerkerschaft gemeinsam ist, scheint eine seit vielen Jahren sinkende Bereitschaft unter jungen Menschen zu sein, überhaupt eine Ausbildung zu ergreifen. „Der Fachkräftemangel hat auch was mit Berufswahl zu tun“, sagt Martin Klinger, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Herne.

Während es früher üblich gewesen sei, nach dem Schulabschluss eine Lehrstelle aufzunehmen, streben viele Jugendliche heute nach höheren Abschlüssen wie dem Studium, so Klinger.

Lieber Ausbildung als Studium
Für Detlef Holz war schon zu Schulzeiten klar, dass er lieber ins Handwerk gehen wollte, als studieren zu gehen. Dabei hätte er mit seiner Schulausbildung und seinen Noten durchaus ein Studium aufnehmen können, meint der 52-Jährige. Nicht alle seine Lehrer hatten damals Verständnis dafür. Einer seiner Lehrer jedoch motivierte den jungen Detlef Holz, bei der Entscheidung zu bleiben: „Es ist besser ein guter Handwerker zu sein, als ein schlechter Akademiker“, hatte der Lehrer zu ihm gesagt.
Nach seiner Fachoberschulreife nahm Detlef Holz die Ausbildung zum Fleischer auf. Bis heute führt er den Betrieb seines Vaters Willi Holz weiter, der seitdem gewachsen ist: Angefangen mit einem kleinen Wochenmarkt, ist die Fleischerei Holz heute ein etablierter Betrieb mit drei Geschäften in Castrop-Rauxel, sowie einem Geschäft und einer Betriebsstätte für Menü-Aufträge und Caterings in Herne.
Detlef Holz hatte seinerzeit diesen Weg mit sehr klaren Vorstellungen eingeschlagen: Er wollte selbstständig und nicht „für andere Leute arbeiten“ wie er sagt. Außerdem war der Gedanke für ihn attraktiv, dem Betrieb seiner Eltern eine Zukunft zu geben. „Sie hatten sich gerade frisch selbstständig gemacht. Ich wollte ihnen helfen und es war eine lohnende Investition.“
Wichtig sei ihm gewesen, „mit etwas anständigem seine Brötchen“ zu verdienen und dass es ausreiche, um zufrieden zu sein. „Wenn man gut ist, in dem was man macht, kann man auch im Handwerk oder mit Ausbildung erfolgreich sein.“

Offenheit für neue Kreationen
Was Detlef Holz am meisten Spaß macht, ist es neue Produkte und Geschmacksrichtungen zu entwickeln. Die Produkte sollten beständig eine gute Qualität aufweisen, aber der Fleischermeister ist stets offen für neue Kreationen.
Der Beruf verlange viel Aufmerksamkeit, da klare Hygiene-Vorschriften beachtet werden müssten, und sei durchaus auch körperlich anstrengend. Das Fleisch zerlegen, das entblutet von den Schlachthöfen kommt – auch er mache das nicht besonders gerne. Und 60-Kilogramm Fleisch bewegen kann trotz Schiebe-Hebe-Vorrichtungen noch anstrengend sein, meint Holz.

„Aber andere körperlich schwierige Jobs wie Dachdecker hätte ich mir weniger vorstellen können. Eher hätte ich ein Architektur-Studium gemacht“, sagt Detlef Holz.

Der Betrieb ist auf ungelernte Helfer angewiesen
Der Mangel an Fachkräften macht dem Betrieb von Holz täglich zu schaffen. Da vielseitig einsetzbare Fachkräfte fehlen, hilft er sich mit ungelernten Arbeitern aus, die auf einzelne Tätigkeiten spezialisiert sind. Wenn es bei Krankheit Ausfälle gibt, sei es mühselig, auf Helfer angewiesen zu sein. Sie wüssten nicht in allen Bereichen, worauf es ankommt, so Holz.

Der Fleischermeister steht für die Suche nach Fachkräften ständig mit der Arbeitsagentur in Kontakt. „Doch die guten vorhandenen Fachkräfte sind in Arbeit. Und nur wenige Azubis kommen von alleine zu uns“, sagt Holz. Die Teilnahme an einer Berufsbildungsmesse könne er sich noch einmal vorstellen, da habe er Interessenten und sogar einen Auszubildenden gewinnen können. „Vielleicht ist das ein Weg, um zukünftig besser an Nachwuchs zu gelangen.“

Angesichts rückläufiger Zahlen sei die Zukunft des Berufsbildes jedoch schwierig vorherzusagen, vermutet Holz. „Für Berufsschulklassen kommen selbst zwischen den Städten seit Jahrzehnten nicht genügend Schülerzusammen.“

Portale wie „MyHammer“ gefährden das klassische Handwerk
Thuy-An Nguyen
HERNE. Die fehlende Meisterpflicht im Handwerk löst Konkurrenz durch Handel aus und erschwert die Ausbildung von Nachwuchs. Verbände fordern Anpassung.

Der Fachkräftemangel im Handwerk ist ein Phänomen, das durch äußerst vielschichtige Hintergründe beeinflusst wird. Eine Zahl von Handwerksberufen hat die Bedeutung, die sie einst hatten, durch die industrielle Massenproduktion verloren, sagt Martin Klinger von der Kreishandwerkerschaft Herne.
Ob es sich um Schuhe, Kleider, Uhren, Töpfe oder Gläser handelt: Viele handwerkliche Dienstleistungen werden heute industriell gefertigt. Dieser Wandel hat insbesondere Nischenberufe wie die des Fleischers, Schuhmachers oder Töpfers schon vor langer Zeit getroffen und vor zum Teil existenzbedrohende Herausforderungen gestellt.
Ein Kreislauf, der sich aus Konkurrenz durch den Handel ergibt, erschwert es dem Handwerk zusätzlich: So ist es einem Selbstständigen beispielsweise möglich, einen Friseurbetrieb zu gründen, ohne dass er selbst einen Meisterbrief besitzt. „Eine Sondergenehmigung macht das möglich“, erläutert Klinger. Ausbilden darf der Betrieb ohne Meisterpflicht allerdings nicht.
Unter zehn Firmen ein Meisterbetrieb
Eine ähnliche Problematik ergibt sich durch Portale, die Hausmeister-Services anbieten, wie „MyHammer“.Unter zehn Firmen befände sich in solchen Portalen vielleicht ein Meisterbetrieb, so Klinger. Diese leisten Dienstleistungen, die sich im Grenzbereich dessen befinden, was nur ein Handwerker-Meister können darf: Dachrinnen reinigen, Fliesen verlegen oder den tropfenden Wasserhahn reparieren.
„Solche Schattenbetriebe gefährden das Handwerk“, sagt Klinger. Denn die Handwerksbetriebe nehmen durch die Konkurrenz weniger ein und können folglich selbst weniger ausbilden – auch darin liege eine Ursache des Fachkräftemangels. „Andererseits handelt es sich bei vielen Selbstständigen um Gründer, die vielleicht anderswo ihren Arbeitsplatz verloren haben.“ Für sie sei es eine einfache Möglichkeit, sich zu finanzieren.

Rückkehr zur Meisterpflicht?
Verbände fordern daher seit vielen Jahren eine Rückkehr zum Meisterzwang in Handwerksberufen. 2004 ist mit der Handwerksreform die Zahl der Berufe mit Meisterpflicht reduziert worden. Von 94 Handwerksberufen erfordern nur 41 einen Meisterbrief, 53 Berufe sind ohne Meisterbrief zulässig.
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