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Das Handwerk, die Bürokratie

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Foto: Felix Zahn/dpa
Bürokratie verhindert Integration der Flüchtlinge

Tobias Weckenbrock
WAZ 03.06.2017 Print, 05.06.2017 Web

Dieses Bild aus einem Betrieb in Berlin hat Vorbildcharakter: Geflüchtete in Arbeit zu bekommen, ist zentrales Ziel der Integration. Dass es zurzeit oft hakt, ist für Handwerksmeister mit eigenem Betrieb zumindest ein Aufreger.

Castrop-Rauxel.  Dachdeckermeister Hans-Joachim Drath geht bei der Integration von Flüchtlingen voran. Er hat nun vor, den zweiten Zugewanderten in seiner Firma auszubilden. Doch er schimpft auch auf die Behörden. Denn die tun sich bei der Vermittlung der Stellen sehr schwer.

In seiner Rolle als ehrenamtlich tätiger Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft (KH) hat Drath in dieser Woche aber kräftig gegen die Stadt, das Land, die Bürokratie generell ausgeteilt. Er überraschte damit die Politiker im Wirtschaftsförderungsausschuss. Seine Aussagen und die Hintergründe dazu.

Zentrale Botschaft von Drath: "Wir würden mehr jugendliche Zugewanderte in die Unternehmen aufnehmen, wenn wir dürften. Castrop-Rauxel ist kein gutes Beispiel." Das sitzt! Der Mittelständler greift vor Politik und Presse die Stadtverwaltung an. "Wenn die Gegenwehr nicht so groß wäre, hätten wir schon 10.000 Flüchtlinge in Betrieben untergebracht", schimpft Drath.

Drath hat Streit mit der Ausländerbehörde der Stadt

"Wenn ein Zugewanderter innerhalb der ersten zwei Jahre nicht in Arbeit kommt, wird es schwer. Die Motivation geht verloren, man muss ihm Tagesabläufe erst wieder beibringen." Er hingegen - und ob er dabei von sich und seinem Dachdeckerunternehmen oder stellvertretend für andere Handwerker spricht, bleibt unklar - wolle die Menschen an die Arbeit heranführen.

Wer seine Motivlage verstehen wollte, der musste Hintergründe kennen. Drath wurde zwischendurch konkret: "Wir haben einen Streit mit der Ausländerbehörde der Stadt und der Innung: Ein junger Mann soll am 1. August oder 1. September in Ausbildung gehen. Wir müssen ihn bei der Berufsschule anmelden, aber das ist aufgrund der Frage nach der sprachlichen Eignung schwierig: Er braucht das B1-Niveau, aber das erlangt er erst im November. Ich stehe vor der Frage: Lassen wir ihn fallen oder ziehen wir das durch? Ich habe mich entschieden, mich durchzukämpfen." Drath ist also selbst Betroffener.

"Kommune muss Schnittstelle zu Betrieben sein"

Martin Klinger, hauptamtlicher Geschäftsführer der KH, erklärte am Freitag im Gespräch mit unserer Redaktion: "Das muss nicht an die Stadt, sondern ans Kultusministerium adressiert werden. Die Frage ist aber berechtigt: Kann man die Anmeldungen an der Berufsschule nicht vom Sprachniveau abkoppeln?" Es gibt Regeln. Für Drath offenbar zu viele. "Die Stadt Castrop-Rauxel müsste sich einfach bei der Kreishandwerkerschaft melden mit einer Liste von 20 Leuten. Wir würden dann Betriebe stellen", so der Dachdeckermeister.

Er habe auch gute Erfahrungen, wie er im Ausschuss berichtete: "Der Zugewanderte, den ich in meinem Unternehmen habe, ist 21 Jahre alt, wohnt in einer Wohngruppe mit 17 Leuten. Er will wirklich! Es gibt viele unter diesen Menschen, die wollen. Aber die Kommune muss die Schnittstelle sein zu den Betrieben."

Drath fordert Leitfaden für Integration der Flüchtlinge

Dabei sei Sprache zweitrangig: Es gebe im Handwerk Kolonnen von polnischen Arbeitern, die "in einer Woche eine Wand hochziehen - ob sie Deutsch sprechen, ist egal", so Drath. Wenn schon die Anerkennungsverfahren für den Asylstatus so lange dauerten, dann noch Fähigkeitsprüfungen hinzukämen und Begutachtungsverfahren - "wie soll man da schnell integrieren?"

Kollege Klinger sprang ihm bei: "Wir sind uns einig, dass es schneller gehen könnte", so der Geschäftsführer. Drath weiter: "Warum setzt man sich in Castrop-Rauxel nicht zusammen, um die Wege kürzer zu machen? Einen Leitfaden zu schreiben, wie man mit den Zugewanderten umgeht, das schaffen andere Städte doch auch."

Bürgermeister Kravanja zeigt sich überrascht

Bürgermeister Rajko Kravanja, dem wir die Aussagen vorlegten, zeigte sich überrascht: Bisher habe es keine Beschwerde bei der Stadtverwaltung gegeben. Es gebe breite Bündnisse und Runden, in denen Entscheider miteinander sprächen: Handwerksvertreter, die IHK, Behörden, die Politik. Wenn Drath etwas Konkretes habe, könne er sich gerne melden.

Das Projekt Quaz
Die Städte Herne, Bochum, Witten und Hattingen, Kirchen, die Ruhruni, Gewerkschaften und andere haben jetzt zusammen den Quaz e.V. gegründet. "In einem gesellschaftlichen Konsens, breit aufgestellt, so, wie es das bundesweit nicht gibt", sagte KH-Sprecher Martin Klinger, "um die Flüchtlingsproblematik in den Griff zu bekommen."

Hauptziele: Integration in den ersten Arbeitsmarkt und Sprachförderung. Quaz soll zugewanderte junge Menschen auf ihre Eignung hin prüfen. "Dabei können sie unterschiedliche Dinge ausprobieren", so Klinger - zum Beispiel Handwerks- und Gesundheitsberufe, wo Fachpersonal gesucht wird. Die ehemalige Lehrwerkstatt des Opelwerks soll genutzt werden. Dort stehen noch (alte) Geräte wie eine Drehbank von 1963 zur Verfügung.
Zurzeit kämpft der Verein aber mit Auflagen. Drath dazu: "Es könnte so einfach sein. Quaz bekäme 60 Euro pro Kopf, der auf Eignung getestet wird. Dann wären wir schon durch mit den Eignungsprüfungen." Klinger dazu: "In der Werkshalle finden wir ideale Voraussetzungen vor. Aber es sind noch sicherheits- oder ordnungsbehördliche Dinge zu regeln."

Zu seinem aktuellen Problem mit der Anerkennung des Sprachlevels teilte Sprecherin Maresa Hilleringmann schriftlich mit: "Ob ein Flüchtling/Asylbewerber/Geduldeter eine Arbeitserlaubnis erhält, entscheiden rechtliche Rahmenbedingungen." Die Stadtverwaltung habe "die Aufgabe und das Interesse, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und kommt dieser Verpflichtung auch nach". Es gebe viele unterschiedliche Maßnahmen.

Schnelligkeit ist nicht immer der beste Weg

Hans-Joachim Drath, so Klinger, sei einer der ersten; er sei mit einem Flüchtling im Betrieb vorangegangen - "und hat nun schmerzhafte Erfahrungen gemacht". Sein Engagement sei beispielhaft. Stefan Bunse, Leiter der Geschäftsstelle der Agentur für Arbeit in Castrop-Rauxel, sagte auf Anfrage: "Es ist immer wünschenswert, wenn bürokratische Hürden abgebaut werden. Aber die Frage stellt sich: Ist es tatsächlich besser, die Leute als Helfer einzustellen?

Dann wird es schwer für sie, parallel die Sprache zu lernen. Vielleicht bleiben sie für immer Hilfskräfte." Im Handwerk würden dringend Leute gesucht und gebraucht. Gute Fachleute. "Schnelligkeit ist immer wünschenswert. Aber man muss sich schon den Einzelfall angucken und dann versuchen, eine Lösung zu finden."

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